Was wir glauben
Wer wir sind
MCC Gemeinde Stuttgart MCC ist Kirche für alle
info@ufmcc.de
 

Sie befinden sich hier » Startseite » Rosa Detlef » 2011 » Rede von Sozialministerin Katrin Altpeter

Rede von Sozialministerin Katrin Altpeter

Grußwort von Frau Ministerin Katrin Altpeter MdL
anlässlich der Verleihung des Rosa-Detlef-Preises an Frau Laura Halding-Hoppenheit
am Sonntag, den 6. November 2011
in Stuttgart


- Es gilt das gesprochene Wort -
1. Einleitung

Liebe Laura Halding-Hoppenheit,

„Wo die gleichgeschlechtliche Unzucht um sich gegriffen und großen Umfang angenommen hat, war die Entartung des Volkes und der Verfall seiner sittlichen Kräfte die Folge.“

Dieses Zitat stammt nicht aus dem Mittelalter.

Es entstammt einer Bundestagsdrucksache aus dem Jahr 1962!

Einige von Ihnen werden nun sicher denken:

„Nun ja, das ist aber auch schon 50 Jahre her.“

Daher möchte ich Sie noch mit einem weiteren Zitat des ehemaligen bayrischen Ministerpräsidenten Stoiber aus dem Jahr 1991 konfrontieren:

„Wenn ich über steuer- und erbrechtliche Anerkennung von homosexuellen Paaren diskutiere, dann kann ich gleich über Teufelsanbetung diskutieren.“

Das ist aber zugegebenermaßen auch schon 20 Jahre her.

Daher noch ein letztes Zitat eines gewissen Stefan Mappus.

Er hat den CSD als „abstoßend“ bezeichnet und gesagt, dass er und 90 Prozent der Fraktion ein Problem hätten „mit dem frivolen, karnevalesken Zurschaustellen von sexuellen Neigungen, wie es bei dieser Veranstaltung geschieht.“

Liebe Laura Halding-Hoppenheit,

ich habe diese unerfreulichen Zitate an den Anfang meiner Laudatio gestellt, weil sie zeigen, wie wichtig Ihr Wirken für die Schwulen und Lesben war und ist.

Und ich habe sie an den Anfang gestellt, weil sie zeigen, wie wichtig ihr Wirken für Stuttgart und Baden-Württemberg als Ganzes war und ist!

Denn auch wenn in den vergangenen Jahren – zumindest bei uns – vieles zum Besseren verändert wurde, so zeigen die Zitate doch eines deutlich:

Wir sind noch lange nicht am Ziel!

2. Ehrenamtliches Engagement

Liebe Laura Halding-Hoppenheit,

bei meinen Recherchen wurde mir mitgeteilt, dass Sie in Rumänien „irgendwann vor 60 Jahren“ geboren wurden.

Hinzu kam der völlig unnötige Hinweis, nicht nach dem genauen Alter zu fragen.

Ich darf an dieser Stelle die Herren Informanten daran erinnern, dass man so etwas eine Frau grundsätzlich nicht fragt!

Auch mich nicht!

Aber Sie sind ja heute sowieso nicht hier, um für erfolgreiches „Älterwerden“ geehrt zu werden.

Das bekommen in Deutschland schließlich Millionen Menschen problemlos hin.

Ich weiß das, denn als Sozialministerin bin ich auch für die Senioren zuständig.

Und davon gibt es von Tag zu Tag mehr.

Nein, liebe Laura Halding-Hoppenheit, Sie werden heute geehrt, weil Sie sich wie kaum eine andere in Stuttgart für die Schwulen und Lesben eingesetzt haben.

Und weil Sie das immer noch tun.

Und weil Sie dies trotz oder gerade wegen all Ihrer anderen Engagements tun.

Wären Sie ein Mann, würde ich sagen, Sie sind ein Hansdampf in allen Gassen.

Denn Sie sind

• Ehrenmitglied der Stuttgarter AIDS-Hilfe,
• der deutschen AIDS-Hilfe,
• im Vorstand von La Gaya (Verein zur Hilfe suchtmittelabhängiger Frauen)
• und haben viele andere Mitgliedschaften, mit denen ich die Anwesenden nicht überfrachten will.

Sie sind darüber hinaus aber auch bekannt für Ihr bürgerschaftliches Engagement.

So unterhalten Sie eine eigene Stiftung, mit der Sie kranken Kindern helfen.

Und Sie mischen sich ein.

Ich nenne hier (unabhängig von der Bewertung der Projekte) nur Ihren Einsatz für den Erhalt des Hotels Silber und gegen Stuttgart 21.

Außerdem spielten Sie mehrere Rollen in unabhängigen Filmprojekten.

Zudem haben Sie mehrmals für den Stuttgarter Gemeinderat kandidiert.

Auf einer eigenen Liste und zuletzt bei DIE LINKE.

(Bei diesem Punkt, liebe Laura Halding-Hoppenheit sehe ich allerdings noch Luft nach oben!)

Und bevor ich es vergesse: Sie haben, man will es kaum glauben, auch noch eine Arbeit!

Aber nicht irgendeine Arbeit.

Nein, Sie sind selbstständige Unternehmerin.

Und dieses Unternehmertun hat Ihnen auch ermöglicht, das zu tun, wofür Sie heute geehrt werden.

3. Engagement für die Schwule Szene

Liebe Laura Halding-Hoppenheit,

besonders geehrt werden Sie heute nämlich nicht für Ihre vielen öffentlichen Ehrenämter.

Geehrt werden Sie für Ihre jahrelange und engagierte Arbeit im Hintergrund.

Für Ihren unermüdlichen Einsatz für die schwul/lesbische Gemeinschaft in Stuttgart.

Und für Ihr langjähriges Engagement für die HIV-Positiven in Stuttgart und in Deutschland.

Denn Sie waren und sind für viele Schwule eine wichtige Ansprechpartnerin, die immer ein offenes Ohr hat.

Sie sind immer präsent, wenn gerade auch junge Menschen eine Schulter zum Ausweinen brauchen.

Und vor allem in der Hoch-Zeit der AIDS Krise, in den späten 80er und in den 90er Jahren, waren Sie es, die immer da war.

Oft erfuhren Sie zuerst vom positiven Testergebnis.

Dann hörten Sie den Sorgen, Nöten und Ängsten zu, sahen und trockneten Tränen, gaben Halt und Rat.

Und in vielen Fällen auch praktische Unterstützung, wie etwa einen Job.

Denn in dieser Zeit bedeutete ein positives Testergebnis oft den Verlust des Jobs.

Sie sind aber auch für diejenigen da, die sich im Coming Out befinden.

Mit Rat und Tat, aber auch mit unauffälligem Schutz und Unterstützung.

In Ihren Clubs konnte schon so mancher Schwule auch mal eine Nacht verbringen, wenn er, was leider oft vorkam und noch immer vorkommt, daheim rausflog.

Gerade in diesen oft schwierigen und auch familiär tief enttäuschenden Situationen sind Sie da und übernehmen die „Mutterrolle“.

Diese beiden Aspekte, Ihre Arbeit und Ihr Da-Sein, für die Schwulen und die HIV-Positiven, sind wohl das Wichtigste, warum Sie, liebe Laura Halding-Hoppenheit, mit dem Rosa Detlef geehrt werden.

Verdient ist dieser Preis umso mehr, da Sie Ihr Engagement seit über 30 Jahren aufrecht erhalten!

Und vorwerfen kann man Ihnen dabei wohl nur eines:

In all dieser Zeit haben Sie es nie zugelassen, dass man Ihnen dankt.

Mir wurde von verschiedener Seite mehrfach versichert, dass Sie ein „Danke“, oder gar ein öffentliches Lob für ihr tagtägliches Engagement nicht hören wollen.

Aus diesem Grund war es sicher eine weise Entscheidung der Juroren die Preisträger erst heute bekannt zu geben.

Denn jetzt haben Sie keine Chance uns zu entwischen!

Und, liebe Frau Halding-Hoppenheit, ich bin auch noch nicht am Ende!

Sie müssen noch weiteres Lob über sich ergehen lassen.

Denn Sie haben der schwul/lesbischen Szene nicht nur geholfen, wenn es klemmte.

Sie haben ihr auch viel Spaß gebracht.

Was wäre das Stuttgarter Nachtleben ohne Lauras Club und den Kings Club?

Diese beiden Läden sind wohl jedem Schwulen im Land und darüber hinaus bekannt.

Jochen Gewecke sagte mir: „Dass es einen Kings Club gibt, wusste ich schon, bevor ich Laura selber kennen lernte.“

Und ein häufiger Spruch vor der Erfindung des Internet war:

„Morgen Abend geh ich ins KC und treffe den Mann meines Lebens.“

Und auch „Lauras Club“ an den verschiedenen Plätzen in Stuttgart war ein solcher Ort.

Das KC und Laura waren sehr wichtige Treffpunkte der Community über das Nachtleben hinaus.

Sie waren und sind wichtig für das schwul/lesbische soziale Leben in Stuttgart.


Für Sie, liebe Laura Halding-Hoppenheit waren die Clubs dabei eben nie einfach nur ein Geschäft, sondern immer Ihr Leben.

Und gerade damit schufen Sie diese besondere Atmosphäre.

Dies zeigt auch Ihre Unterstützung für andere Organisationen.

So hat mir Axel Schwaigert berichtet, dass Sie auch den Aufbau der MCC-Gemeinde in Stuttgart unterstützt haben.

Zum Beispiel indem Sie erlaubten, Flyer in Ihren Clubs zu verteilen, oder Räumlichkeiten für einen „Gottesdienst zwischen Parade und Party“ bereitstellten.

Und das obwohl die Kirche wohl nicht Ihr primärer Ort ist.

4. Einsatz für Schwule in Rumänien

Liebe Laura Halding-Hoppenheit,

Ihre Lebensleistung für die schwul/lesbische Gemeinde bis heute reicht eigentlich schon jetzt für mehrere Leben.

Nur ist das für Sie kein Grund, sich zurück zu lehnen.

Daher müssen Sie es aber auch ertragen, dass ich Sie noch ein kleines bisschen weiterlobe.

Denn auch wenn wir schon das Glück haben, dass Sie schon lange Jahre bei uns weilen:

Ihre (zweite) Heimat Rumänien haben Sie darüber nicht vergessen.
Denn seit wir in Deutschland zumindest aus dem Gröbsten heraus sind, engagieren Sie sich nun für Schwule und Lesben und HIV-Positive in Rumänien.

Sie unterstützen dabei vor Ort die einzige Organisation, die sich in Rumänien um HIV positive Menschen kümmert.

Ebenso unterstützen Sie aber auch den CSD in Rumänien.

Und das verdient besonderen Respekt.

Denn wo der CSD in Stuttgart eine offenes Fest ist, müssen in Bukarest hunderte Polizisten den Umzug bewachen und beschützen.

Viele der rumänischen TeilnehmerInnen tragen sogar Masken im Gesicht, um nicht erkannt zu werden.

Sie aber sind in vorderster Front dabei.

Und zwar ohne Maske.

Als Dankeschön gab es hier schon mal ein geworfenes Ei an den Kopf.

Aber Sie bleiben diejenige, die Gesicht zeigt.

Und das haben Sie schon getan, als es auch hier in Stuttgart noch schwierig oder gar gefährlich war.


5. Schluss

Liebe Laura Halding-Hoppenheit,

Sie haben es gleich überstanden!

Es hieß, Ihre Laudatio sollte nicht länger als acht Minuten dauern.

Nun sind es aber, glaube ich, mehr geworden.

Und trotzdem kann man in diesen wenigen Minuten Ihrer Lebensleistung kaum gerecht werden.

Mir hilft, dass wohl fast jeder hier im Saal eine Geschichte, eine Erinnerung, ein Gespräch mit Ihnen verbindet.


Und ich bin mir sicher, dass heute Abend die eine oder andere Geschichte oder Anekdote noch die Runde machen wird.

Bis dahin aber sage ich im Namen aller hier Anwesenden und aller, die heute nicht hier sein können, ein ganz großes Dankeschön für Ihr unglaubliches Engagement.

Und ich beglückwünsche Sie im Namen aller zu diesem Preis, der wohl einer der wenigen Preise ist, die wirklich von Herzen kommen!

Liebe Laura Halding-Hoppenheit,

falls Sie in Zukunft einmal das Gefühl haben sollten, Ihre Arbeit wird in der schwul/lesbischen Gemeinde nicht mehr gebraucht, so darf ich Ihnen noch einen Tipp für ein neues Betätigungsfeld mit auf den Weg geben.

Die amerikanische Kabarettistin Lynn Lavner hat einmal gesagt:

„Die Bibel enthält sechs Ermahnungen an Homosexuelle und 362 Ermahnungen an Heterosexuelle. Das heißt aber nicht, dass Gott die Heterosexuellen nicht liebt. Sie müssen nur strenger beaufsichtigt werden.“

Es bleibt also viel zu tun!



All Rights Reserved by MCC Salz der Erde Gemeinde Stuttgart e.V.



Wespenspinnen
Urlaub mit dem Rollstuhl

Kirche für lesben

Kirche für Schwule