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Rede von Pfarrer Dr. Axel Schwaigert

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Festgäste!

Es ist etwas wunderbares und gleichzeitig selbstverständliches, das wir uns heute hier, im Herzen unserer Stadt, im Zentrum Rotebühlplatz treffen können, an einem Tag, an dem gleichzeitig draußen in vielen Wahllokalen der neue Oberbürgermeister der Stadt gewählt wird. Es ist schön, hier zu sein, um einen Preis zu verleihen, der Engagement und Arbeit in und für die Schwul-Lesbisch-Bi-Trans-Gemeinschaft ehrt. Wir sind hier, um Menschen nennen und zu ehren, die sich als Gruppe oder als Einzelne auf ihre je eigene Weise für Vielfalt, Gleichberechtigung und Toleranz einsetzen. Hier sind Menschen aus der Szene heraus nominiert worden und sollen geehrt werden, die etwas besonderes tun, die sich einbringen, die Freizeit opfern: Damit andere, damit wir alle in einer freieren Zeit leben können.

Es sei gleichzeitig selbstverständlich, habe ich gesagt, dass wir uns hier heute so treffen können. Nun, das ist, Gott sei dank, für Stuttgart ein wahrer Satz. Aber er ist ein Satz, der nicht weit von hier schon nicht mehr wahr ist. Da brauchen wir in unserer eigenen Stadt nur in den Fernseher zu schauen, „Die Wilden Kerle" etwa, eine sehr populäre Serie von Kinderfilmen, da wird der Schwache der Gruppe als „schwul" und „Schwuchtel" beschimpft. Und es ist ein Film aus unseren Zeiten. Da brauchen wir nur in irgendeine beliebige Großstadt schauen, und das muss noch nicht mal im Osten der Republik sein, da wäre es nicht ratsam, als zwei Männer, oder noch gefährlicher als zwei Frauen, abends Hand in Hand durch die Stadt zu gehen. Dass wir heute hier solch eine Veranstaltung haben, am Tag einer Wahl, das ist in Europa des Jahres 2012 durchaus nicht selbstverständlich. Das Gay Fest Bukarest, der dortige CSD, musste ausfallen, weil an jedem Tag eine Parlamentswahl abgehalten werden sollte, und es dabei den Mächtigen zu gefährlich war, Schwule und Lesben auf der Straße zu haben. Und in Russland, nun, da wäre diese Veranstaltung schlichtweg illegal, und wir alle, Sie und ich, müssten mit empfindlichen Geld- und Gefängnisstrafen rechnen.

Daher will ich Euch und Ihnen allen noch einmal danken. Euch, den Nominierten, für Eure Arbeit und Euren Einsatz, an diesen vielen Orten, öffentlich und nicht so öffentlich, auf der öffentlichen Bühne, auf Paraden, in Organisationstreffen und im Internet, vor dem Mikrofon und hinter dem Tresen beim Getränkeausschank, vor vielen Menschen, oder für den und die Einzelne, deren Leben Ihr berührt habt.

Und ich will Euch und Ihnen danken, die hier sind, und mitfeiern, die damit ein Zeichen setzen, dass sich Engagement lohnt.  

Der Rosa Detlef ist aber mehr als ein Preis, in dem die Schwul-Lesbisch-Bi- und Trans-Gemeinschaft sich um sich selber dreht, sich selber bewundert und die Ihren ehrt und feiert. Der Rosa Detlef, und das haben wir von Anfang an erkannt, ist ein gesamtgesellschaftlicher Preis. Denn jedes Mal, wenn ein Kind aus dem Fernsehen oder von den Älteren lernt, dass „du schwule Sau" oder „Du blöde Lesbe" eine akzeptierbare Benennung für einen Anderen ist, geschieht in unserer Gesellschaft Ausgrenzung. Jedes Mal wenn irgendwo ein Mensch wegen seiner sexuellen Orientierung beschimpft wird, geschieht diese Ausgrenzung. Und das wiederum geht uns alle an, nicht nur diejenigen, die gerade in diesem Moment anders sind. Denn Ausgrenzung zerstört Freiheit und macht das Leben kleiner. Das ist es, was die Kinder noch nicht wissen, die Jugendlichen vielleicht ahnen, und mit dem die politisch dumpfen Erwachsenen den großen Schaden anrichten: Ausgrenzung fällt immer auf alle zurück. Sie baut Mauern, und durch diese Mauern wird der Freiraum in unserer Gesellschaft kleiner. Wenn hier Schwule ausgegrenzt werden und dort Lesben, hier den Frauen die Gleichberechtigung verwehrt wird und dort andere wegen ihres Anders-Seins von Hautfarbe oder Religion ausgeschlossen werden, dann entstehen jedes Mal Mauern, die unsere Gesellschaft zerreißen, sie kleiner machen und die Werte von Freiheit und Gleichheit angreifen. Und so entsteht, ungewollt, oft aus Kindermund, aber leider zu oft auch gewollt, eine Gesellschaft der Mauern und der Gefängnisse, eine Gesellschaft in der niemand frei atmen kann, aber dafür leicht zu überwachen ist. Ein Blick nach Russland zeigt, wie das funktioniert. Der Rosa Detlef sieht sich als Preis in einer freien Gesellschaft, in der Vielfalt und das Anders-Sein in vielen Lebensmöglichkeiten gefeiert wird und nicht Angst macht. Das gilt für unsere Stadt, unser Land aber auch für jede Organisation, sei es eine Partei, ein Verein und nicht zuletzt die Kirchen.

Es war wieder sehr schwer für die Jury, aus der Vielzahl der Vorschläge je drei Nominierungen zu benennen. Wir bitten jedes Jahr die Menschen in der Szene, Menschen für diesen Preis vorzuschlagen. Dein Vorschlag ist gefragt. Die Jury, bestehend aus Frau Sozialbürgermeisterin A.D. Gabriele Müller-Trimbusch, Frl. Wommy Wonder, die leider heute nicht hier sein kann, und mir selber, hat dann die herausfordernde Aufgabe, daraus die Nominierten zu benennen und sich dann auf je einen Preis zu einigen. Ich danke hier meinen beiden Mitjurorinnen ganz herzlich, dass sie sich dieser Aufgabe stellen.
Wir wissen natürlich: Man könnte noch viel mehr Menschen und Gruppen nominieren, und Preise müssten wir viele verteilen. Aber es liegt in der Natur eines Preises, dass er eben für diesen Moment, dieses Jahr, Einzelne heraushebt. Und so wollen wir mit diesem Preis ehren und danken, Bühne und Scheinwerferlicht geben für diese Arbeit die teils im politisch offenen, teils im Verborgenen und im Stillen stattfand. Wir werden gleich noch im Einzelnen die Nominierten kennenlernen und hören, warum sie sich als nominiert für den Rosa Detlef geehrt fühlen dürfen.

Der Preis ehrt und dankt. Der Rosa Detlef ist aber auch als Herausforderung gedacht, weiterzumachen. Dieses Eine will ich ganz klar sagen: Dieser Preis ist kein Lorbeerkranz, auf dem man oder frau sich ausruhen könnte. Weder Ihr, die Ihr nominiert seid, noch alle anderen, die nächstes Jahr wieder vorgeschlagen werden können.
In diesem Jahr verleihen wir den Rosa Detlef in zwei Formen. Zum einen ist es eine Skulptur von Gerd Schwaigert, gefertigt aus Holz und Glas und Stahl, aber auch aus Salz und Erde, die den berühmten Rosa Winkel in sich trägt, und so das Schandzeichen in ein Ehrenzeichen verwandelt. Sie ist jedes Jahr ein bisschen anders, so wie die Preisträger jedes Jahr ein bisschen anders sind.

Und so will ich, am Ende dieser Rede einen meiner theologischen Lehrer zitieren. Diese Mal Prof. Dr. Eberhard Jüngel, meinen Lehrer für Systematische Theologie in Tübingen. Er beginnt eines seiner Bücher mit dem Satz: „Von Zeit zu Zeit soll die Zeit anders sein. Von Zeit zu Zeit ist ein Fest an der Zeit, das den Lauf der Zeit unterbricht." Prof. Jüngel hat recht: Feste sind wichtig, und so ist es heute an der Zeit, die Zeit zu unterbrechen. Um Fest zu feiern, im Wissen darum, dass es morgen wieder an der Zeit sein wird, weiterzuarbeiten.
Vielen Dank!


Und so ist es durchaus richtig dass es eine Kirchengemeinde ist, die diesen Preis erfunden und ausgelobt hat. Es ist eine Aufgabe der Kirche, die Gesellschaft in der sie lebt, wahrzunehmen, sozusagen den Puls des Lebens zu spüren. Und dann auf diesen Puls zu reagieren. Eine meiner theologischen Lehrerinnen war Verna Dozier. Genauer gesagt war sie die Lehrerin einer meiner Lehrerinnen. Sie war eine der ersten schwarzen, afro-amerkikanischen weiblichen Stimmen in der Theologie. Geboren 1918 als Schwarze im Süden der USA, hatte sie gelernt und erfahren, was Ausgrenzung bedeutet. Für sie war Glaube und soziales Engagement immer eins. Einer ihrer Sätze war: „Gott wollte, dass Gottes Volk Jesus nachfolgt und ihn nicht einfach nur anbetet." Und so beschreibt sie die Aufgabe, die jede Kirche in der Welt hat in vier Stichworten: „Eine biblische Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft mit einer Erinnerung, mit einem lebendigen Ritual, das diese Erinnerung frisch hält, mit einer Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit und mit einer Mission." Diese Herausforderung versuchen wir mit diesem Preis zu leben: Wir wollen erinnern und nicht vergessen, was in der Geschichte geschehen ist, und was heute, in vielen Ländern der Welt und auch in unserem eigen Land immer noch geschieht: dass Menschen leiden müssen, weil andere Menschen nicht ertragen, dass jemand anders ist und lebt. Wir wollen mit einem Ritual diese Erinnerung wach halten. Und Ritual muss nichts langweiliges, geheimnisvolles sein, sondern darf, gerade hier in der Szene, Fest sein, darf Musical-Musik sein und Sekt-Trinken. Es darf es sein, weil es uns zusammenbringt als Gemeinschaft. Wir, und damit meine ich nun uns alle, die wir hier sind, tun das aus dieser Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit heraus. Und weil wir wissen, dass unsere Welt schöner ist, wenn wir einladen anstatt auszugrenzen. Und wir haben eine Mission. Nämlich an diesem Puls der Gesellschaft zu bleiben. Weiter zu kämpfen, aber auch weiter Danke zu sagen und zu Engagement zu ehren und zu feiern.



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