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Rede von Pfarrer Dr. Axel Schwaigert „Orte der Freiheit“

Liebe Festgemeinde!
Salz der Erde MCC Gemeinde Stuttgart verleiht zum 4. Mal den Rosa Detlef an Menschen, Gruppen oder Organisationen, die sich um die LSBTTIQ-Gemeinschaft verdient gemacht haben.
So steht es auf der Einladung, der Sie alle heute hierher gefolgt sind. So war es der Auftrag der Jury, bestehend aus Frau Gabriele Müller Trimbusch, Frl. Wommy Wonder und mir, die sich Gedanken darüber gemacht hat, wer aus der Fülle der Vorschläge mit einer Nominierung geehrt werden soll, und wer den eigentlichen Preis erhält.

Und das ist es, was die Nominierten des heutigen Tages getan haben: Sie haben sich um die LSBTTIQ-Gemeinschaft, also die Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender, Intersexuellen und Queeren Menschen verdient gemacht.

Aber nun stellt sich natürlich sofort eine Frage, nämlich: Wie tut man denn das, sich verdient machen? Was hat man denn da getan, um Verdienste um eine Sache erworben zu haben? Es gibt ja ganz unterschiedliche Arten sich einzusetzen, sich einzubringen. Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, warum Menschen andere Menschen für einen Rosa Detlef vorschlagen. Wie tut man das also: sich verdient machen?

Vor etwa 55 Jahren war es ein heißer Abend gewesen. Der Legende nach waren sie mittags auf der Beerdigung von Judy Garland gewesen, die sich mit dem Song "Somewhere over the Rainbow" in die Herzen der unterdrückten schwulen Gemeinschaft gesungen hatte. Menschen, halbe Kinder noch, am Rande der Gesellschaft, die einen Ort gesucht haben, um zusammen zu sein, Nähe zu finden, Nähe zu spüren. Sie hatten sich in einer Kneipe getroffen, einer Kneipe von zweifelhaftem Ruf, aber da waren sonst keine anderen Orte für solche wie sie. Und an diesem Abend, wer weiß warum, da wehrten sie sich, die jungen Schwulen, die in Freiheit leben wollten, die Transen, die sie selber sein wollten, die Schwulen in ihren schwarzen Anzügen und den frisch geschnittenen Haaren, die nur Liebe suchten. Sie wehrten sich und kämpften um diesen einen, wenigen Platz, den sie hatten.

45 Jahre später müssen an vielen Orten dieser Welt, wieder und immer noch Menschen kämpfen um ihre Orte. Um ihren eigenen Ort, um leben zu können. "Für Euch ist kein Platz bei uns, ihr seid nicht wie wir, deswegen müssen wir euch davonjagen, vertreiben, ausmerzen." Das ist es, was Schwule und Lesben, Bisexuelle und Transidente Menschen in Russland heute hören. Sie hören es in Gesetzen, die gegen jede Menschenwürde von einem Machtapparat erlassen wurden, der diese Gesetze mit Staatsgewalt durchsetzt. Und sie hören es, schlimmer noch, im Grölen von Nationalisten und von Kirchen, die in diesen Gesetzen einen Freibrief sehen, Menschen die anders sind zu jagen, und wie Freiwild zu erlegen. Und doch gibt es mutige Einzelne und starke kleine Gruppen, die sich wehren, die demonstrieren, die sich einsetzen und die sich aussetzen der Gewalt, die da geschürt wird. Sie tun das, damit sie einen Platz haben können, in der Gesellschaft und in der Welt.

Von diesen Menschen, aus der Geschichte und aus der Gegenwart, lerne ich heute, was es heißt, sich verdient zu machen. Ich lerne, was das heißt für unsere Nominierten und für uns. Für die Nominierten ist es eine Ehre, und für uns ist es eine Herausforderung. Sich verdient zu machen, heißt: Orte der Freiheit schaffen. Orte der Freiheit schaffen und diese Orte auch zu verteidigen.
Genau das tun unsere Nominierten für den Rosa Detlef. Sie schaffen Orte, an denen Menschen frei sei können. Wo Menschen, egal welcher Orientierung, frei sie selber sein können, frei ihr eigenes Leben leben können, frei sind von Gewalt und Zugriff und Diskriminierung und Angst. Sie schaffen Orte in Kirche, Sport und Gesellschaft, damit Menschen dort frei glauben, frei spielen und frei leben können. Sie verteidigen diese Orte mit Demonstrationen, mit bunter Kreativität und mit der Einladung zum Frei-Sein. So machen sich alle unsere Nominierten verdient, und alle von ihnen sind heute zu recht im Rampenlicht dieses Festes. Alle von Euch, liebe Nominierten, werden heute hier zu recht besungen, gelobt und bedankt.
Und uns, die wir hier sind und mitfeiern, ist daher eine Herausforderung gegeben. Nämlich mitzumachen. Mitzuhelfen. Dabei zu sein. Zu unterstützen. Diese Orte der Freiheit zu helfen sie zu verteidigen. Und denen zu helfen, die sie schaffen. Hier und in Russland.

Und genau das ist auch die Bedeutung unserer diesjährigen Preis-Skulptur. Sie ist wieder von einem Künstler geschaffen worden, der sich selber wohl gar nicht so bezeichnen würde. Aber mit seiner Hände Arbeit und mit den Ideen darin hat er wieder eine Skulptur geschaffen, die die Bedeutung dieses Preises in sich trägt. Geschützt von einer gläsernen Hülle, liegt ein Stacheldraht in dieser Skulptur, in sich verdreht, ein Zeichen der Unfreiheit. Eine Erinnerung daran, dass - auch wenn wir in Freiheit leben - Menschen auch in unserer eigenen Gesellschaft nicht frei sein können. Es ist der Stacheldraht, der im Profisport liegt, der immer noch Kirchen gegen andere abgrenzt, den Jugendliche auf den Schulhöfen auslegen, und der heute Mobbing auf Facebook heißt. Hier erzählt diese Skulptur die Geschichte ihrer eigenen Notwendigkeit. Und doch wächst aus dem Stacheldraht der Unfreiheit eine einzelne Blüte. Ein Rosa Winkel, Zeichen der Verfolgung in der Nazi Zeit, wo schwule Männer den rosa Winkel tragen mussten. Und in dieser Kombination ist es eine starke Blüte, eine starkes Zeichen des Mutes und der Kraft und des Einsatzes. Ein Zeichen dafür, dass diese rosafarbenen Orte der Freiheit möglich sind, dass der Stacheldraht der Unfreiheit eben nicht das alles beherrschende sein wird, auch wenn Menschen wie Putin es noch so gerne hätten. Es ist ein Zeichen dafür, dass da etwas geschaffen werden kann, wenn wir es nur wollen. Das ist die Skulptur des Rosa Detlef, die wir den Preisträgern mitgeben wollen, weil sie sich verdient gemacht haben, weil sie Orte der Freiheit schaffen.

Und dann gibt es noch ein Schmuckstück, das man und frau anziehen darf, tragen darf, mit dem die Nominierten Flagge zeigen können. Ein kleines silbernes Menschlein, halb Mann und halb Frau, halb Kerl und halb ein tanzendes Zeichen für Freiheit. Und dieses kleine silberne Menschlein hält einen rosa Stein in der Hand, hält ihn hoch, damit ihn alle sehen können. Jeder der Nominierten wird so einen Anstecker bekommen, und man und frau kann sich den Kleinen auch selber erwerben und anstecken und so zum Ausdruck bringen: Ich will helfen, dass diese Welt, hier und dort, für uns und für andere freier ist.

Ich habe am Anfang gefragt, wie man das tut, sich verdient machen. Noch einmal: Man macht sich verdient, indem man etwas tut. Und dafür bekommt ihr, die Nominierten, heute unser Lob, und wir feiern Euch. Und damit, mit dem, dass ihr etwas tut, damit gebt ihr uns etwas: nämlich die Herausforderung mitzumachen. Mitzumachen, dass Orte der Freiheit entstehen können und dass sie geschützt werden. Und dafür bekommt ihr unseren Dank.
 
Ich danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit.


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